Der Chef hat diesen Fall markiert, und das aus gutem Grund: Der Fall Estibaliz Carranza ist eine jener Geschichten, in denen der denkbar unscheinbarste Schauplatz etwas zutiefst Erschreckendes verbirgt. Jahrelang bediente eine kleine Eisdiele im Wiener Bezirk Meidling Kunden, die keine Ahnung hatten, was unter ihren Füßen lag. Die Frau hinter dem Tresen, den Stammgästen als „Esti” bekannt, versteckte zwei Leichen im Keller, eingemauert in Beton. Dies ist die Geschichte der Eisdielenmörderin von Wien.
Ein Geschäft namens Schleckeria
Goidsargi Estibaliz Carranza Zabala, geboren 1978, besaß die spanisch-mexikanische Doppelstaatsbürgerschaft. Sie kam als junge Frau nach Deutschland, wo sie als Au-pair arbeitete, bevor sie sich schließlich in Wien niederließ und im 12. Bezirk eine kleine Eisdiele namens Schleckeria eröffnete. Für Nachbarn und Kunden war sie eine unscheinbare Geschäftsinhaberin. Dieses Bild verbarg eine weit dunklere Wirklichkeit.
2008 tötete Carranza ihren Ex-Mann Holger Holz. 2010 tötete sie ihren Freund Manfred Hinterberger. Beide Männer wurden mit einer .22er Beretta in den Kopf geschossen. Beide Leichen wurden im Keller ihres Geschäfts versteckt. Die Überreste wurden erst im Juni 2011 entdeckt, als Bauarbeiter bei Rohrverlegearbeiten im Gebäude auf in Beton eingeschlossene menschliche Überreste stießen.
Eisdielenmörderin: zwei Morde, eine Methode
Carranzas erstes Opfer war ihr Ex-Mann Holger Holz. Sie sagte vor Gericht aus, Holz sei nach ihrer Heirat verbal aggressiv geworden, habe ihr schlechtes Deutsch verspottet und sich der Hare-Krishna-Bewegung angeschlossen und geweigert zu arbeiten. Selbst nach ihrer Scheidung weigerte er sich auszuziehen. An einem Sonntag im Jahr 2008, nach wieder einmal einem Streit, erschoss sie ihn, während er an seinem Computer saß.
Zwei Jahre später führte Carranza eine neue Beziehung mit Manfred Hinterberger, einem Eismaschinenverkäufer, der etwa zwanzig Jahre älter war als sie. Sie hegte den Verdacht, dass er sie betrog. Nach einem betrunkenen Streit in einer Novembernacht 2010 legte er sich schlafen. Sie erschoss ihn im Schlaf mit derselben Pistole.
In beiden Fällen versteckte sie die Leichen unter ihrem Geschäft und führte den Betrieb weiter, als wäre nichts geschehen. Die Überreste wurden erst durch Zufall bei Routinewartungsarbeiten im Juni 2011 gefunden.
Flucht, Festnahme und Prozess
Als die Arbeiter die Überreste entdeckten, floh Carranza nach Italien. Sie wurde einige Tage später festgenommen und nach Österreich ausgeliefert. Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung war sie zwei Monate schwanger von einem dritten Mann, den sie später im Gefängnis heiratete.
Ihr Prozess begann im November 2012 in Wien. Carranza bekannte sich in beiden Mordfällen schuldig. Staatsanwältin Petra Freh bezeichnete sie als „eine außergewöhnlich kaltblütige und skrupellose Mörderin” und warnte die Geschworenen: „Lassen Sie sich nicht täuschen.”
Die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner, die über 30 Stunden mit Carranza verbracht hatte, diagnostizierte ihr eine „schwere, umfassende, vielschichtige Persönlichkeitsstörung” und schätzte die Wahrscheinlichkeit, dass sie ohne Behandlung erneut töten würde, auf eins zu drei.
Am 23. November 2012 wurde Carranza zu lebenslanger Haft in einem geschlossenen psychiatrischen Maßnahmenvollzug verurteilt. Richterin Susanne Lehr anerkannte ihr Geständnis und ihre psychischen Schäden als mildernde Umstände, befand jedoch, dass ihre sorgfältige Planung und ihr Verhalten nach den Morden das Höchstmaß der Strafe rechtfertigten. Das Urteil war einstimmig.
Nachgeschichte
Verteidiger Rudolf Mayer, der zuvor auch den berüchtigten Josef Fritzl vertreten hatte, kündigte Berufung an, doch das Urteil wurde in der Berufungsinstanz bestätigt.
2014 veröffentlichte Carranza aus dem Gefängnis heraus ihre Memoiren mit dem Titel Meine zwei Leben, gemeinsam verfasst mit der Journalistin Martina Prewein. Darin schrieb sie, dass sie weder Verständnis noch Begnadigung suche, räumte jedoch ein, ihre Partner zu „Monstern gemacht zu haben, die schließlich das Biest in mir geweckt haben”.
2017 wurde sie aus einer Frauenhaftanstalt in die Justizanstalt Asten in Oberösterreich verlegt, einer spezialisierten psychiatrischen Einrichtung, wo sie im Rahmen des österreichischen Maßnahmenvollzugs weiterhin behandelt wird.
Was der Fall aufzeigt
Der Carranza-Fall fällt nicht wegen der Zahl der Opfer auf, sondern wegen der schieren Dauer der Vertuschung. Knapp drei Jahre lang verkaufte sie Eis an die Öffentlichkeit, während zwei zerstückelte Leichen unter ihren Füßen im Beton lagen. Dieser Kontrast erschütterte Österreich weit mehr als die Gewalt selbst: die Vorstellung, dass jemand über etwas so Grauenhaftem eine so gewöhnliche Fassade aufrechterhalten kann.
Der Fall legte auch Lücken im Umgang mit Vermisstenmeldungen offen. Weder Holz noch Hinterberger wurden so als vermisst gemeldet, dass dies eine ernsthafte Untersuchung ausgelöst hätte. Holz’ Verschwinden wurde seinem unsteten Lebensstil zugeschrieben; Hinterberger, dem seine Familie entfremdet war, geriet schlicht in Vergessenheit. Ohne den Zufallsfund bei den Klempnerarbeiten wären die Verbrechen womöglich nie ans Licht gekommen.
Carranza befindet sich weiterhin in psychiatrischer Haft. Österreich kennt keine Todesstrafe, die bereits vor Jahrzehnten abgeschafft wurde. Im Rahmen des Massnahmenvollzugs wird sie so lange untergebracht bleiben, wie sie als gemeingefährlich gilt.
Der Chef hat diesen Fall markiert, und das aus gutem Grund: Der Fall Estibaliz Carranza ist eine jener Geschichten, in denen der denkbar unscheinbarste Schauplatz etwas zutiefst Erschreckendes verbirgt. Jahrelang bediente eine kleine Eisdiele im Wiener Bezirk Meidling Kunden, die keine Ahnung hatten, was unter ihren Füßen lag. Die Frau hinter dem Tresen, den Stammgästen als „Esti” bekannt, versteckte zwei Leichen im Keller, eingemauert in Beton. Dies ist die Geschichte der Eisdielenmörderin von Wien.
Diese Version enthält explizite Details aus Gerichtsaussagen. Leser sollten dies berücksichtigen.
Ein Geschäft namens Schleckeria
Goidsargi Estibaliz Carranza Zabala wurde am 6. September 1978 geboren und besaß die spanisch-mexikanische Doppelstaatsbürgerschaft. Sie kam als junge Frau nach Deutschland, wo sie als Au-pair arbeitete, und lernte dort ihren späteren Ehemann Holger Holz kennen. Das Paar ließ sich schließlich in Wien nieder, wo Carranza im 12. Bezirk Meidling eine kleine Eisdiele namens Schleckeria eröffnete.
Nach eigenen Aussagen vor Gericht verschlechterte sich die Ehe rasch. Carranza erklärte dem Wiener Landesgericht, Holz habe sich nach der Hochzeit völlig verändert: Er sei verbal aggressiv geworden, habe ihr schlechtes Deutsch verspottet, sich der Hare-Krishna-Bewegung angeschlossen und geweigert zu arbeiten. Als sie ihre Wohnung verloren und in die Eisdiele zogen, eskalierten die Spannungen weiter. Selbst nach der Scheidung weigerte sich Holz zu gehen.
Der erste Mord: Holger Holz (2008)
An einem Sonntag im Jahr 2008, nach wieder einmal einem Streit über Holz’ Weigerung auszuziehen, erschoss Carranza ihn mit einer .22er Beretta. Sie sagte vor Gericht, sie habe zweimal in seinen Hinterkopf und einmal in die Schläfe geschossen, während er an seinem Computer saß.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich das wirklich tun würde”, sagte sie aus. „Es war 15 Uhr. Draußen spielten Kinder, es war schönes Wetter, jemand muss es gehört haben. Ich dachte, die Polizei kommt. Dann klingelte mein Handy. Es war die Eisdiele, sie brauchten mich.”
Nach mehreren gescheiterten Versuchen, die Leiche zu beseitigen, darunter die von ihr selbst als „verrückte Idee” bezeichnete Überlegung, sie in Brand zu setzen, benutzte Carranza eine Kettensäge, um die Leiche zu zerstückeln. Sie lagerte die Teile in einer Tiefkühltruhe in der Eisdiele und mauerte sie dann nach und nach im Keller darunter ein.
„Ich habe geputzt und geputzt in den Tagen danach”, sagte sie dem Gericht.
Eisdielenmörderin: der zweite Mord, Manfred Hinterberger (2010)
Carranza begann eine Beziehung mit Manfred Hinterberger, einem Eismaschinenverkäufer, der etwa zwanzig Jahre älter war als sie. Hinterberger hatte Carranza kurz nach ihrer Scheidung verlassen, kehrte aber etwa anderthalb Jahre später zurück, nachdem ihn seine eigene Freundin vor die Tür gesetzt hatte, und stand mit einem Koffer vor der Ladentür.
Die Beziehung verschlechterte sich. Carranza sagte, sie fühle sich „wie im Gefängnis… als wäre mein Kopf in einer Plastiktüte”. Sie fand Nachrichten anderer Frauen auf seinem Handy und entdeckte sein Profil auf einer Partnerbörse.
Vor dem zweiten Mord belegte Carranza Kurse in Schießen und Betonarbeiten. Das Gericht erfuhr außerdem, dass sie mit einer Freundin scherzhaft über ihre Mordphantasien gesprochen hatte.
Im November 2010, nach einem Abend, bei dem Hinterberger mit einer anderen Frau geflirtet hatte, stritten sich die beiden auf dem Heimweg. Er legte sich schlafen.
„Er drehte sein Gesicht zur Wand und fing an zu schnarchen”, sagte Carranza vor Gericht. „Ich war so wütend. Ich hatte die Pistole unter der Matratze. Ich nahm sie heraus, lud durch und schoss.” Sie feuerte viermal mit derselben Beretta, mit der sie Holz getötet hatte, in seinen Hinterkopf.
Am nächsten Morgen, so sagte sie dem Gericht, habe sie ihn „um Verzeihung gebeten für das, was sie getan hatte”. Anschließend zerstückelte sie seinen Körper und begrub ihn neben Holz im Keller. Nachdem sie die Überreste beseitigt hatte, buchte sie einen „dringenden Maniküre-Termin”, um ihre beim Arbeiten beschädigten Nägel reparieren zu lassen. Dieses Detail stammte direkt aus der Anklageschrift.
Drei Jahre Vertuschung
Knapp drei Jahre lang, zwischen 2008 und 2011, betrieb Carranza die Schleckeria, als wäre nichts gewesen. Sie hängte Lufterfrischer auf, um mögliche Gerüche zu überdecken. Weder Holz noch Hinterberger lösten eine ernsthafte Vermisstenfahndung aus. Holz’ Verschwinden wurde seinem unsteten Lebensstil zugeschrieben; Hinterberger, der seiner Familie entfremdet war, geriet schlicht in Vergessenheit.
Die Vertuschung endete durch Zufall. Im Juni 2011 stießen Bauarbeiter bei Rohrverlegearbeiten im Gebäude auf im Beton eingeschlossene menschliche Überreste im Keller unter der Eisdiele.
Flucht und Festnahme
Nach der Entdeckung floh Carranza mit einem Taxi nach Italien. Sie wurde einige Tage später festgenommen und nach Österreich ausgeliefert. Zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung war sie zwei Monate schwanger von einem dritten Mann. Sie heiratete diesen Mann im März 2012 im Gefängnis. Ihr Sohn Roland, nach seinem Vater benannt, wurde im Januar 2012 geboren, wurde ihr aber sofort weggenommen und in die Obhut ihrer Eltern in Barcelona gegeben.
Über ihren neuen Ehemann sagte Carranza dem Gericht: „Er ist völlig anders. Er ist sehr sanft, das Gegenteil von macho. Er hätte mich nie in eine solche Situation gebracht.”
Prozess und Urteil
Der Prozess begann am 19. November 2012 am Wiener Landesgericht. Carranza bekannte sich in beiden Mordfällen schuldig. Die Verhandlung dauerte vier Tage, mit Dutzenden von Zeugen und Sachverständigen.
Staatsanwältin Petra Freh bezeichnete Carranza als „eine außergewöhnlich kaltblütige und skrupellose Mörderin” und sagte zu den Geschworenen: „Diese Frau hat zwei Gesichter. Sie wird hier versuchen, die Rolle einer wohlerzogenen Person zu spielen, die so etwas niemals täte. Meine Aufgabe ist es, Ihnen ihre andere Seite zu zeigen. Lassen Sie sich nicht täuschen.”
Die Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner, die vor dem Prozess mehr als 30 Stunden mit Carranza verbracht hatte, diagnostizierte ihr eine „schwere, umfassende, vielschichtige Persönlichkeitsstörung” und schätzte die Rückfallgefahr ohne Behandlung auf eins zu drei. Das psychiatrische Gutachten beschrieb sie als „Prinzessin, die nur von einem Mann gerettet werden möchte”.
Carranza weinte, als sie ihre abschließende Erklärung abgab: „Alles, was ich sagen kann, ist, dass es mir leid tut, Holger und Manfred das Leben genommen zu haben.”
Am 23. November 2012 fällten die Geschworenen ein einstimmiges Urteil. Richterin Susanne Lehr verurteilte Carranza zu lebenslanger Haft im Maßnahmenvollzug. Die Richterin anerkannte Carranzas Geständnis und ihre psychischen Schäden als mildernde Umstände, befand jedoch, dass ihre akribische Planung und ihr berechnetes Verhalten nach jedem Mord die Höchststrafe rechtfertigten.
Nachgeschichte und psychiatrische Haft
Verteidiger Rudolf Mayer, der zuvor auch den berüchtigten Josef Fritzl vertreten hatte, kündigte sofort Berufung an, doch das Urteil wurde bestätigt.
Carranza war zunächst in der Frauenstrafanstalt Schwarzau in Niederösterreich untergebracht. 2014 veröffentlichte sie aus dem Gefängnis heraus Memoiren mit dem Titel Meine zwei Leben, gemeinsam verfasst mit der Journalistin Martina Prewein. Darin schrieb sie, dass sie weder Verständnis noch Begnadigung suche, räumte jedoch ein: „Ich habe meine Liebhaber zu Monstern gemacht und schließlich haben sie das Biest in mir geweckt.”
2017 wurde Carranza in die Justizanstalt Asten in Oberösterreich verlegt, eine spezialisierte psychiatrische Einrichtung. Sie war die erste weibliche Insassin dieser Anstalt, die damals 91 Männer beherbergte. Die Einrichtung bietet psychiatrische und psychologische Versorgung rund um die Uhr.
Was der Fall aufzeigt
Der Fall der Eisdielenmörderin fällt nicht wegen der Zahl der Opfer auf, sondern wegen der schieren Dauer der Vertuschung. Knapp drei Jahre lang verkaufte Carranza Eis an die Öffentlichkeit, während zwei zerstückelte Leichen unter ihren Füßen im Beton lagen. Dieser Kontrast erschütterte Österreich weit mehr als die Gewalt selbst: die Vorstellung, dass jemand über etwas so Grauenhaftem eine so gewöhnliche Fassade aufrechterhalten kann.
Der Fall legte auch Lücken im Umgang mit Vermisstenmeldungen offen. Das Verschwinden keines der beiden Opfer löste eine Untersuchung aus, die die Verbrechen früher hätte aufdecken können. Ohne den Zufallsfund bei den Klempnerarbeiten wären die Leichen womöglich nie gefunden worden.
Carranza befindet sich weiterhin in psychiatrischer Haft. Österreich kennt keine Todesstrafe, die bereits vor Jahrzehnten abgeschafft wurde. Im Rahmen des Massnahmenvollzugs für psychisch auffällige Straftäter wird sie so lange untergebracht bleiben, wie sie als gemeingefährlich gilt. Angesichts Dr. Kastners Risikoeinschätzung könnte das der Rest ihres Lebens sein.



